1852 – 1879: “Kultur-Bürgermeister” Xaver Moßmann

Nachdem die demokratische Begeisterung der Jahre 1848 und 49 durch die Niederschlagung der Aufständischen einen deutlichen Dämpfer erhalten hatte, scheint sich das Bürgertum verstärkt der Kultur zugewandt zu haben. Hier zählte das Talent, nicht die adlige Herkunft. In Zell a. H. hat sich in der neuen Kulturszene der Akzisor (Steuereinnehmer) Xaver Moßmann hervorgetan. 1852 wurde er zum Dirigenten der Blasmusik bestellt. Als er 1858 zum Bürgermeister eingesetzt wurde, nutzte er diese Stellung zur politisch unverdächtigen Förderung der Musik. Über seine Aktivitäten wissen wir sehr gut Bescheid, weil sie ähnlich wie die kommunalpolitischen Entscheidungen in den Rathaus-Akten ihren Niederschlag gefunden haben.

1855 belegt eine Rechnung die Anschaffung eines „Bombardons“ und eines Flügelhorns. Das Bombardon (frz. Donnerbüchse; deutsch abgewandelt in Pommer) ist ein Holzblasinstrument mit konischer Bohrung. Es gehört zur lauten Musik und zählt zum Instrumentarium der „türkischen Musik“. Dass Moßmann eine Schwäche für diese Musikrichtung hatte, davon zeigt sich auch Lokalhistoriker Carl Fischer überzeugt. In der Festschrift von 1927 vermerkt er auf Seite 17: „1855-58 bestand neben der Stadtmusik noch eine Abteilung als sogenannte ‚türkische Musik’ mit Schellenbaum“.

Moßmann war jedoch ein äußerst vielseitiger Musikliebhaber. Neben der Blasmusik für Straßen und Plätze förderte er auch die Saal-Musik. 1859 schaffte der Männer-Gesangverein ein Klavier an. Zur Finanzierung wurde der Gesamtbetrag von 130 Gulden in 13 Anteilscheine je 10 Gulden aufgeteilt. Für diese Aktien wurde eine Verzinsung von 4% in Aussicht gestellt. Zu den Zeichnern gehörte auch Bürgermeister Moßmann.

1855 war der „Musikverein“ als eigener Verein vom Großherzoglichen Bezirksamt Gengenbach genehmigt worden. Im Jahr darauf waren „durch Kugelung“ (Balotage) eine Reihe neuer Mitglieder aufgenommen worden. Dabei handelte es sich um ein Wahlverfahren mittels eines Kastens, in den die Mitglieder weiße oder schwarze Kugeln warfen, je nach dem ob sie einem Aufnahmebegehren zustimmten oder es ablehnten.

Ein Verzeichnis von 1856-1866 gibt Aufschluss über die durchschnittlich 30 Mitglieder. Unter ihnen waren ein praktischer Arzt und der Apotheker „Carl Heim“, (Vater von Scheffels Dichterliebe Emma Heim). Ferner finden sich die Berufsbezeichnungen Fabrikant, Fabrikarbeiter und Commis (Angestellter im Handel oder Büro). Auffallend häufig werden Porzellanmaler genannt, was bei der hiesigen Fabrik nicht verwundert. Aber auch seltenere Berufe tauchen auf: Kupferstecher, Buchbinder. Schließlich fehlten nicht die Wirtsleute vom Adler, Hirsch, Löwen und Raben, die dem Verein wohl eher als passive Mitglieder angehört haben, während die Lehrer sicher zu den Aktiven gehörten, weil zur Ausübung des Lehrerberufs früher die Beherrschung eines Musikinstruments gehörte. Schließlich waren auch einige Gemeinderäte der Musik beigetreten, die mit dem musikbegeisterten Bürgermeister vielleicht ein „Fraktion“ bildeten.

Der Musikverein pflegte eine Orchestermusik mit Bläsern und Streichern. Darauf weist die Inventur der Instrumente von 1871 hin. Es finden sich bei den Holzbläsern 8 Klarinetten und eine Oboe, bei den Blechbläsern 1 Kontrabass, 2 Hörner und 2 Trompeten, bei den Streichern 3 Violinen, 2 Violas und ein Violoncello.

1858 wurde ein Männergesangverein behördlich genehmigt. Wenig Jahre später, 1861, vereinigten sich die beiden der Musikpflege gewidmeten Vereinigungen zum „Musik- und Gesangverein“. Dieser Zusammenschluss lag nahe, da ohnehin eine Reihe von Personen gleichzeitig in beiden Vereinen Mitglied waren. Den Befürwortern der Fusion schwebte die Aufführung von beliebten Titeln aus Oper und Operette vor. Zum gemeinsamen Präsidenten wählte man den adligen Herrn vom Hof Gröbern, „Fischer, Wohlgeboren“. In geheimer Wahl wurde ferner Bürgermeister Moßmann zum Musikdirektor bestimmt. Direktor für den Gesang wurde Apotheker Spinnhorn.

Die erste gemeinsame Veranstaltung war ein Konzert an Silvester. Die Kunstbegeisterung war so groß, dass man auf den traditionellen Silvester-Ball verzichten wollte. Zum Ausgleich wurde für die Fastnacht ein „Maskenball“ im Gasthof Löwen geplant. Mit dem Tanzvergnügen sollte – auf Vorschlag von Moßmann – eine Aufführung der Oper „In Schilda“ verbunden sein.

Im Sommer 1862 lud man die aktiven und passiven Mitglieder mit ihren Angehörigen zu einer gemütlichen Abendunterhaltung ein. Die „hiesige bekanntlich sehr gute türkische Musik unter der Leitung des Herrn Bürgermeisters und Musik-Direktors Moßmann“ sollte die musikalische Gestaltung übernehmen. Bei schönem Wetter wollte man mit der Musik an der Spitze zur Sommerwirtschaft beim Bier-Keller des „Kneippfilisters Bek“ ziehen. Die dadurch angelockten Schaulustigen sollten Zutritt zum Fest haben. Zur „türkischen“ Musik zählten nur die Bläser, nicht die Streicher.

Seltsamer Weise nahm die „bewährte türkische Musik“ ihre Probenarbeit erst wieder im November auf. Erst von da ab war der Wirt des Probelokals wieder in der Lage „Bier zu liefern“. Diese Begründung überrascht oder auch nicht. In den Sommerferien des Jahres 1863 lädt diese Abteilung zum ersten Mal die Öffentlichkeit zu einer Abendunterhaltung ein. Vielleicht darf man vom ersten „Kurkonzert“ sprechen.

Um 1879 wurde an Fastnacht ein Kappenabend veranstaltet. Die Einladung richtete sich an die „vocalen und instrumentalen Mitglieder, sowie jene der Blechmusik“. Von letzterer wurden jedoch ausdrücklich nur die passiven Mitglieder eingeladen. Es war die Zeit, da Moßmann den Dirigentenstab in andere Hände legte und die „türkische Musik“ offensichtlich bedeutungslos geworden war.

Die Weihe einer neuen Fahne im April 1880 konnte das Auseinanderdriften der beiden Musikrichtungen hier Gesang und Streicher, dort die Blasmusik, nicht mehr verhindern. Die Trennung scheint sich friedlich vollzogen zu haben, denn die „Musik“ wirkt beim Umzug des Gesangvereinsfestes im Sommer des selben Jahres wie selbstverständlich mit.

Auf Moßmann, der 1880 auch seine Amtszeit als Bürgermeister beendete, folgten die Dirigenten Bernhard Riehle (1879-1882) und Karl Brucher (1882-1886).