1892-1934: Die Ära August Dreher

August Dreher, Schuhmachermeister, trat 1880 der Stadtkapelle bei. Nach dem plötzlichen Tod des Dirigenten Heinickel, 1892, wurde Dreher zunächst provisorischer und 1893 offizieller Dirigent. Das Honorar kam von der Sparkasse. Da es sich bei dem Geldinstitut um eine von den Kommunen garantierte Einrichtung handelt, ist die Einrichtung gehalten, einen Teil ihres Gewinns gemeinnützigen Zwecken zuzuführen. Die Anschaffung von Instrumenten übernahm die Stadtkasse. 1893 halbierte der Stadtrat die jährlichen Haushaltsmittel von 600 auf 300 Mark.

Der Dirigent war nicht nur für die musikalischen Leistungen, sondern auch für die Disziplin der Musiker verantwortlich. Am 13. August 1900 gibt Bürgermeister Winterhalter eine Beschwerde von Bürgern in der Nachbarschaft des Probelokals an August Dreher weiter: „Es ist wiederholt vorgekommen, dass nach Eintritt der Polizeistunde Mitglieder der Kapelle sich nach Beschaffung von Bier etc. in das Musiklokal begaben und dort bis zum grauen Morgen zechten und dabei aber lärmten, Türen zuschlugen usw.“

Am 8. Mai 1906 weigerten sich die Musiker das ihnen von der Stadt zugewiesene Probelokal zu beziehen. Beim Betreten komme einem ein „fauler Gestank“ entgegen und bei “ feuchter Witterung läuft das Wasser die Wände herunter“. Der Gemeinderat sah sich zunächst nicht in der Lage, einen anderen Raum zur Verfügung zu stellen. Das neue Rathaus, in dem auch die Musik würdig untergebracht werden sollte, war noch im Bau begriffen. Der Protest zeigte Wirkung. Die Stadt bezahlte vorübergehend ein Entgeld für die Proben im Badischen Hof.

Eines Tages forderte Dreher ein höheres Grund-Honorar. Wenn die Musik zur Beerdigung von Feuerwehrleuten und Veteranen des Militärvereins ausrücken müsse, entstehe ihm ein beträchtlicher Verdienstaufall. Bei diesen Anlässen erhielten der Dirigent und die Musiker keine Einsatzvergütung. Hatten doch die Beigesetzten in besonderer Weise dem Gemeinwohl gedient. Die Stadtrat entsprach Drehers Wunsch nach Erhöhung der Vergütung nur zur Hälfte. Die Zahlung der anderen Hälfte sollte erst erfolgen, wenn an Sonntagen im Sommer vor dem Rathaus häufiger „Promenadenkonzerte“ stattfinden würden. Dies diene der Hebung des Fremdenverkehrs.

Zum Eklat kam es, als ein Freiburger Gesangverein seinen Ausflug nach Zell unternahm. Die Musik begrüßte die Sänger am Bahnhof, geleitete sie zum Gasthaus Raben und spielte eine Stunde vor dem Lokal, während die Sänger das Mittagessen einnahmen. Nicht nur der Dirigent, sondern auch die Musiker haben sich geärgert, dass dieser Einsatz unter die öffentlichen Verpflichtungen fallen sollte, für die es keine Vergütung geben sollte. Sie stellten daher dem Gesang-Verein eine Rechnung aus. Dieser schickte die Forderung zurück. Der Wirt habe im Vorfeld versprochen, der Aufwand werde vom Verkehrsverein vergütet. Dieser fühlte sich jedoch nicht zuständig, weil der Bürgermeister als Vorsitzender der Stadtmusik zugesagt hatte, die Musik spiele umsonst.

Die Unstimmigkeit hatte bei Dreher das Fass zum Überlaufen gebracht. Zum 1. Oktober 1906 trat er zurück. Danach erklärten 13 Musiker, dass sie „unter einer anderen Leitung nicht mehr spielen werden.“ Tatsächlich gab es zwei Jahre lang keine Stadtkapelle mehr, bis die Stadt einlenkte und Dreher wieder engagierte.

Im neuen Vertrag wurde festgelegt, an welchen weltlichen und kirchlichen Anlässen die Kapelle zu spielen habe, nämlich an des Kaisers und Großherzogs Geburtstag, an Fronleichnam, Mariä Himmelfahrt, am Patrozinium und an Mariä Geburt.

1923 scheint die Zeller Musikkapelle eine gewisse Anziehungskraft auf Musiker aus Unterharmersbach ausgeübt zu haben. Jedenfalls bittet der Unterharmersbacher Bürgermeister Pfundstein den Zeller Bürgermeister um eine vertragliche Vereinbarung, wonach kein Musiker von der Kapelle des anderen Ortes aufgenommen werden dürfe. Der Zeller Stadtrat wies diesen Eingriff in die Selbstverwaltung zurück. Über die Mitgliedschaft sollten weiterhin die Kapellen selbst entscheiden.

Lange Zeit war es üblich, sowohl dem Dirigenten wie auch dem Bürgermeister als dem Vorsitzenden der Stadtkapelle am Namenstag ein Ständchen zu bringen. 1926 bat Bürgermeister Schäfer, künftig an seinem Namenstag auf diesen Brauch zu verzichten. Sollte der übliche Freitrunk eingespart werden?

Ebenfalls im Jahr 1926 erhielt Dreher in Villingen einen „Ersten Dirigentenpreis“, was die Stadtkapelle den Bürgermeister sogleich per Telegramm wissen ließ. Dies ermutigte die Kapelle für das folgende Jahr ein Verbands-Musik-Fest zu planen. Dies sollte einen würdigen Rahmen für die Feier des 100jährigen Stiftungsfestes der Stadtkapelle abgeben. Nach dem damaligen Orts-Historiker und Ratschreiber Carl Fischer wäre das Jubiläum bereits 1924 fällig gewesen.

Die Kapelle wünschte für den großen Anlass eine neue Uniform. Der Bürgerausschuss, ein in der Weimarer Republik der Stadt vorgeschaltetes Gremium, befürwortete diese Anschaffung.

Bei der Vorbereitung des Festes kam es zum Streit mit der Musikkapelle Unterharmersbach. Diese wollte nicht am Wertungsspiel teilnehmen, sondern ein Ehrenstück darbieten, was normaler Weise dem gastgebenden Verein zusteht. Weil dieses „Angebot“ abgelehnt wurde, blieben die Unterharmersbacher beim Jubiläum der Stadtkapelle zu Hause. Zum Festzug war auch die Unterharmersbacher Bürgerwehr eingeladen worden. Die nachbarliche Formation wollte jedoch ihre Teilnahme von „günstiger Witterung“ und „70 Liter“ Freibier abhängig machen. Das Bier solle im Übrigen nicht in Zell, sondern in Unterharmersbach getrunken werden. Auch hier lehnten die Zeller ab.

Die neuen Uniformen konnten nicht verhindern, dass nach dem großen Fest im Juli 1927 in der Stadtkapelle ein Streit ausbrach. Vermutlich hatten sich die Zeller bei dem Ereignis blamiert. Dies lässt sich aus einem Schreiben von 7 Musikern an den Stadtrat ableiten. Die Unterzeichner sprechen davon, dass es bei mangelndem Probenbesuch zwangsläufig zu öffentlichem Versagen komme. Die Schuld für die „Bummelei“ geben die Rebellen dem Kapellmeister August Dreher, der gegen die Säumigen zu nachsichtig sei.

Um die schlechte Stimmung zu besänftigen, lud Bürgermeister Schäfer noch im September zu einem Ausflug nach Peterstal ein: „Abfahrt vormittags halb 8 Uhr mittelst Lastauto vom Raben. Alsdann Fusswanderung über den Löcherberg und zurück. Abends von der Linde in Oberharmersbach Rückfahrt mit Lastauto hierher.“ Die Harmonie konnte freilich bei diesem Ausflug nicht wieder hergestellt werden. Sechs Mitglieder traten aus.

Die Abtrünnigen gründeten eine eigene Kapelle. Sie probten im Bahnhofs-Restaurant, das auf der Rückseite an den Harmersbach grenzt und beim „Rädelsführer“ Josef Riehle, dessen Haus „Am Bach“, richtiger „am Gewerbekanal“ lag. Im Volksmund wurde die Gegenkapelle schmunzelnd „Bach-Musik“ genannt. Sie selbst gab sich die seriösere Bezeichnung „Musikverein Harmonie“, was vielleicht ihre Entstehung aus dem Streit vergessen lassen sollte.

In der Stadtmusik versuchte man indessen strengere Saiten aufzuziehen. Ab Januar 1929 wurde für jedes unentschuldigte Fehlen bei der zweimaligen wöchentlichen Probe ein Strafgeld von 10 Pfennig in Abzug gebracht. Wer austreten wollte, durfte nicht einfach weglaufen, sondern hatte eine vierteljährliche Kündigungsfrist einzuhalten.

Als August Dreher 1931 erkrankte, führte stellvertretend sein Sohn Alfred die Kapelle weiter. 1934 wurde dem Sohn der Dirigentenstab offiziell übergeben. Seine Amtszeit währte indessen nur bis 1935, als NS-Bürgermeister Kopf die Vereinigung von Stadtkapelle und „Bach-Musik“ anordnete. Um den Weg für diese Zusammenlegung frei zu machen, verlangte er von Alfred Dreher und Joseph Riehle den Verzicht auf das Dirigenten-Amt. Kopf übergab den Taktstock an Wilhelm Braun, der bereits die Unterharmersbacher Kapelle leitete. Joseph Riehle wurde in der neuen Konstellation allerdings Vize-Dirigent.