1934-1939: Im Griff der Nationalsozialisten: Wilhelm Braun

Als Hitler am 30. Januar 1933 Kanzler wurde, sollte sich dies auch auf die Zeller Stadtkapelle auswirken. Hatte man bis dahin Anfang März jeden Jahres den Tag der „Verfassung“ begangen, so hieß jetzt der Anlass, zu dem die Stadtmusik am 21.3. vor dem Rathaus aufspielte, „Eröffnung des Reichstag“. Ehrlicher wäre die Bezeichnung „Abschaffung des Reichstags“ gewesen, denn zwei Tage später ließ sich Hitler von einer Mehrheit der Abgeordneten mit dem „Ermächtigungsgesetz“ alle Befugnisse übertragen. Da Parlament brauchte er fortan nicht mehr.

Die Nazis entwickelten einen fieberhaften Aktionismus, mit dem sie die Stadtmusik für ihre Zwecke vereinnahmten. Der 1. Mai war bis dahin immer ein Tag des Wanderns in die freie Natur gewesen. Die Stadtkapelle war in aller Frühe durchs Städtchen gezogen, um die Bürger zu einem Spaziergang auf den Sommerberg/Badwald zu locken, wo Konzert und Umtrunk vorgesehen waren. 1933 erhoben die Nazis diesen Tag zum „Nationalen Feiertag“. Die Musiker waren einstimmig dafür mitzuwirken. Ihr damaliger Vorsitzender, Bürgermeister Dr. Schumann, war bemüht es mit der „Bewegung“ nicht zu verderben. Die Musik begleitete die Nazis zum Festgottesdienst, der in den Anfängen noch zu ihrem Programm gehörte, gab anschließend vor dem Rathaus ein Konzert und spielte beim politischen „Festzug“ am Nachmittag die erwartete Marschmusik. Am Abend stellte sie im „Löwen“ mit ihren Streichern die Tanzmusik.

Wenig später findet sich im Protokollbuch folgender Vermerk: Die „Ortsgruppe der NSDAP hielt am 26. Mai, 9 Uhr, auf dem Sommerberg eine Schlageterfeier ab, wobei die Stadtmusik für den musikalischen Teil sorgte.“ (NSDAP – Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei, Partei mit deren Wahlerfolgen Hitler legal an die Macht gekommen war und danach illegal behauptete. Albert Leo Schlageter war nach dem Ersten Weltkrieg Mitglied der „Schwarzen Reichswehr“. Er verübte gegen die Franzosen, die zur Sicherung der Reparationen das Ruhrgebiet besetzten, Sabotageakte. Dafür wurde er von ihnen hingerichtet. Die Nazis verehrten Schlageter als Nationalheld.)

In der Verwaltungsratsitzung, ein paar Tage danach, am 31.05.33 erklärte Bürgermeister Dr. Schumann, dem Protokoll zu Folge „daß auch für die Stadtmusik eine Gleichschaltung komme und betonte nochmals, daß sich die „ganze Stadtmusik restlos in den Dienst der Regierung stellt, denn wenn diese Regierung aus irgendeinem Grunde scheitern sollte, sei das Schicksal für unser Vaterland besiegelt.“

In den Dienst der Nationalsozialisten begaben sich die Musiker im Jahre 1933 mit den folgenden Veranstaltungen:

Am 18.06. begleitete die Stadtkapelle den BdM (Bund deutscher Mädchen) vom Gasthaus „Sonne“ zum Gasthaus „Linde“, von dort zurück durch die Stadt zur „Badeanstalt“ an der Nordrach.
Am 24.08. musizierte die Stadtkapelle im „Badischen Hof“ zur Einstimmung auf den Propagandafilm „SA-Mann Brand“ (SA – „Sturm-Abteilung“; Gliederung der NSDAP). Jeder Musiker erhielt drei Freikarten, damit er Angehörige mitbringe.
Am 23.10. umrahmte die Musik den Abschluss einer Handwerkerwoche. Dabei wurde das „Horst-Wessel-Lied“ gesungen: „Die Fahne hoch, die Reihen fest geschlossen, SA marschiert in ruhig festem Schritt.“
Am 19.11. folgte ein „Propagandamarsch der Hitlerjugend für das Winterhilfswerk“. (Mit „Winterhilfswerk“ bezeichneten die Nazis ihre soziale Einrichtung zugunsten Hilfsbedürftiger. Im späteren Krieg wurden mit den Spenden die Soldaten z.B. mit Winterkleidung unterstützt.)

Diese Serie von Verpflichtungen im Geist des Nationalsozialismus setzte sich im Jahre 1934 fort:

Die Stadtkapelle spielte am:

– 06.01. bei der Beerdigung eines Mitglieds
beim Jungvolk (Altersgruppe der Hitlerjugend)

– 21.01. beim Kameradschaftsabend der SA

– 16.03. beim Propagandamarsch durch die Stadt zur Turnhalle,
wo ein Redner über die „Frühjahr-Arbeitsschlacht“ sprach.

– 18.04. beim erneuten Zug durch die Stadt zur Turnhalle,
wo ein Film über den Nürnberger Parteitag der NSDAP
(Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter-Partei) mit dem
Titel „Sieg des Glaubens“ gezeigt wurde

– 05.05. beim „Manöverball“ der SA (Sturm-Abteilung)

– 07.05. beim Festzug zum Sportplatz wo die
„Rede unseres Führers Adolf Hitler durch Rundfunk übertragen wurde“

Am 7. Mai 1934 hatten die Nazis mit Adrian Kopf einen Bürgermeister aus den eigenen Reihen bekommen. Kopf war schon in der demokratischen Ära Bürgermeister-Stellvertreter gewesen. Zum Bürgermeister wurde er jedoch nicht gewählt, sondern von „Reichsstatthalter Robert Wagner“ in Karlsruhe, eingesetzt. Der rechtmäßige Bürgermeister Dr. Schumann musste den Amtssessel räumen, obwohl er es an Anpassungsbereitschaft nicht hatte fehlen lassen. Die Musik begrüßte das neue Stadtoberhaupt traditionsgemäß mit einem Ständchen.

Eine Woche später löste in der Generalversammlung der neue Bürgermeister „im Sinne des „Führerprinzips“ den Verwaltungsrat der Musik auf. Den bisherigen Vizedirigenten Alfred Dreher, Sohn von August Dreher, macht er zu seinem „Unterführer“ und trug ihm auf, künftig „mehr Wert auf Marschmusik“ zu legen. Das bürgerliche „Waldfest“ sollte zum „Biwak“ umgewandelt werden, zu dem die Schützen und die uniformierte SA einzuladen seien. Die Generalversammlung endete „mit einigen Märschen und einem dreifachen ‚Sieg heil!'“ auf den „Führer der Stadtmusik“, vermerkt das Protokoll. Mit dem 1. Juli 1934 brachen die Eintragungen ins Protokollbuch ab. Der Verein hatte seine Selbstverwaltung eingebüßt. Demokratische Strukturen galten den selbstherrlichen Nazis als zeitraubend und unnütz.

Noch im Sommer des selben Jahres (1934) ordnete Kopf den Zusammenschluss der „Harmonie-Kapelle“ (im Volksmund „Bach-Musik“) mit der Stadtkapelle an. Alfred Dreher und Josef Riehle mussten aus diesem Anlass den Dirigentenstab an Wilhelm Braun abgeben. Dieser leitete bereits die Musikkapelle Unterharmersbach. Joseph Riehle wurde Vize-Dirigent. Dieser Zusammenschluss dürfte von vielen als Bündelung der Kräfte begrüßt worden sein.

Schon am 3.11.33 hatte Kopf als Bürgermeister-Stellvertreter in der Sitzung des Verwaltungsrates der Stadtkapelle auf freiwilliger Grundlage eine Vereinigung von Stadtkapelle und Harmonie-Kapelle herbeiführen wollen. Letztere „ging nicht darauf ein.“. Ein halbes Jahr später besaß er die Machtfülle, den Zusammenschluss anzuordnen. Kopf machte wohl auch Druck die Rivalitäten zwischen Zellern und Unterharmersbachern abzubauen. In der Generalversammlung vom 17. März 1933 ist von einem „Freundschaftsvertragsverhältnis zwischen Zell und Unterharmersbach“ die Rede, als ob sich hier zwei erbverfeindete Staaten näher gekommen wären.

Ein Verein, der nicht von den Nazis aufgelöst werden wollte, musste sich mit ihnen arrangieren. Dies scheint auch der Turnverein schnell begriffen zu haben. Er beendete sein traditionelles Schauturnen am 23.06.33 mit einer „Sonnwendefeier auf dem Wasser-Reservoir“, bei der die Stadtkapelle mitwirkte. Dieses natur-religiöse Ritual kam dem Geschmack der Nazis entgegen. Im Gegenzug mieteten die Nazis die Turnhalle für ihre Großveranstaltungen.

Auch die Narren scheinen sich auf die Wünsche der neuen Herren eingestellt zu haben. Für die Fastnacht am 11.02.34 wählten sie das Thema „Völkerbundstagung“. Es dürfte den Nazis gefallen haben, wenn man sich über die internationalen Friedensbemühungen nach dem Ersten Weltkrieg lustig machte. Die Stadtmusik wirkte aus Tradition mit.

Überhaupt keine Probleme bereitete den Nazis der „Militärverein“. Ihm gehörten Soldaten des Ersten Weltkrieges an. Schon vor der Nazizeit war es üblich, dass die Stadtmusik beim Begräbnis eines Mitglieds des Militärvereins mitwirkte. Dass dieser Verein in der Hand der SA war zeigt der Abschluss des Stiftungsfestes am 2.7.33 mit dem „Horst-Wessel-Lied“, das von der Stadtkapelle intoniert wurde.

Die NSDAP feierte ihr 10-jähriges Bestehen Anfang Dezember 1935. Natürlich mit Unterstützung der Stadtmusik. Sie musste im selben Monat noch ein zweites Mal für die Partei Hitlers aufspielen, nämlich am 22. 12. bei der „Deutschen Weihnachtsfeier“.

Das mulmige Gefühl, das manchen Mitläufer in der NS-Zeit beschlichen haben dürfte, wurde durch soziale Aktivitäten der Nazis besänftigt. In Zell a. H. wurde z.B. der soziale Wohnungs-Bau in Form kleiner Einfamilienhäuser in der „Siedlung“ (heute Ritter-von-Buß-Straße) gefördert. An der Nordrach entstand ein für damalige Verhältnisse attraktives Schwimmbad. Bei der Einweihung am 30.6.35 wollte die Stadtmusik nicht fehlen. Bei den folgenden Sommernachtsfesten bis 1939 sorgte die Stadtmusik für die musikalische Unterhaltung. Nach dem Krieg wurde die Gepflogenheit, mit der Stadtkapelle Sommernachtsfeste im Schwimmbad zu feiern, wieder aufgegriffen.

Zu den angenehmen Verbesserungen gehörte auch die Anlage eines Kurparks. Das Gelände dazu wurde von der Keramik-Fabrik gepachtet. Das erste Konzert in dieser grünen Umgebung gab die Stadtkapelle am 16. Mai 1937. Zuvor waren die sonntäglichen Konzerte überwiegend vor dem Rathaus gegeben worden.

Wie man weiß, haben die Nazis unter dem Motto „Kraft durch Freude“ (KdF) im großen Stil Ferienreisen zu günstigen Preisen organisiert. Bürgermeister Kopf wusste dieses Programm für die Gastronomie und die Geschäftsleute zu nutzen. Zur Verbreitung einer guten Stimmung war die Stadtmusik unerlässlich. Von 1933 bis zum Angriff auf Polen, 1939, kamen jährlich etwa 3 KdF-Züge. Sie brachten Feriengäste aus Wuppertal, der Saar-Pfalz, Düsseldorf, Köln-Aachen, Halle, Berlin und Ostpreußen. Die Stadtkapelle holte die Urlauber an der Bahn ab, gab ein kleines Konzert, bestritt mit der Streicher-Abteilung an einem Abend die Tanzmusik im Badischen Hof und geleitete sie am Ende ihre Urlaubs wieder zum Bahnhof.

Zählt man die Auftritte für die KdF-Urlauber mit den Verpflichtungen für die anderen NS-Organisationen und den liierten Militärverein zusammen, so kommt man im Jahr 1935 auf rund 40 Einsätze. Im Dezember des genannten Jahres wünschten sich die Nazis gleich zweimal die Unterstützung der Stadtkapelle: Beim 10jährigen Gründungsfest der NSDAP und bei deren „Deutschen Weihnachtsfeier“. Gleichzeitig mussten noch die traditionellen Anlässe an Fastnacht, für die Feuerwehr und bei kirchlichen Festen bedient werden. Der Terminkalender der „Freizeit-Musiker“ hätte dem von Berufsmusikern alle Ehre gemacht.

So mag es sich erklären, dass die Musiker zwar immer gespurt haben, wenn es um einen Einsatz ging, egal unter welchem Vorzeichen die Veranstaltung stand, aber plötzlich sehr gereizt reagiert haben, als der „Führer der Stadtmusik“ am 19.12.1936 Einsicht in das Kassenbuch nehmen wollte, um die am Ende des Jahres ausbezahlten Beträge festzustellen. Die Musiker hatten die Stirn, ihm die Auskunft zu verweigern. Verärgert legte Kopf daraufhin den Vorsitz nieder und bestimmte zunächst Gemeinderat Seifert und als dieser aus beruflichen Gründen ablehnte Gemeinderat Raupp zur „Führung“.

Der wachere Zeitgenosse hatte wohl schon sehr früh erkennen können, dass die Nazis ihre „Kraft“ in Wahrheit nicht durch „Freude“, sondern aus dem Hass gewannen und dass ihre Politik unweigerlich auf einen Krieg zusteuerte. Schon am 24.11.33 verließ Protokollant Hans Müller die Stadtkapelle, um der „Arbeitsdienstkapelle in Stuttgart-Vaihingen“ beizutreten. Kurz danach folgten ihm drei weitere Kollegen aus der Musik. Am 17.09.1933 musste die Stadtmusik die „Freiwillige Sanitätskolonne“, nach ihrer Herbstübung zum Gasthof geleiten. Zuvor war es nur üblich, die Feuerwehr nach ihrer Herbstübung ins Gasthaus zu führen.

Aus dem in der Weimarer Zeit eingeführten Volkstrauertag wurde ein „Tag der gefallenen Kämpfer“, der am 9. November begangen wurde. Die Nazis dachten dabei an die Gesinnungsgenossen, die am 9. November 1923 bei Hitlers Putschversuch in München ums Leben gekommen waren. Am 12.11. 1933 spielte die Stadtmusik beim „Propagandamarsch der Kriegshinterbliebenen durch die Stadt“. Es ging bei diesem Toten-Gedenken nicht um Trauerarbeit im Blick auf den Frieden, sondern um das Einschwören auf Gefühle der Vergeltung. Dass der Krieg immer näher rückte, zeigen zwei Einsätze der Stadtmusik im Bad. Hof: Am 4. Juni 1937 bei der „Vereidigung vom Luftschutzpersonal“ und am 17.12.38 bei der Weihnachtsfeier für „Westfront-Arbeiter“.