1947-1955: Vom Rebellen zum Dirigenten: Joseph Riehle

Joseph Riehle ist uns bereits aus den Zwanziger Jahren als Vereins-Rebell bekannt. Zehn Mann traten damals aus der Stadtkapelle aus und gründeten am 2.2.1928 den konkurrierenden „Musikverein Harmonie“. Vorsitzender wurde Brenner Hillenbrand. Den Taktstock führte Joseph Riehle, von Beruf gleichfalls Brenner an den Porzellan/Keramik-Öfen der hiesigen Geschirr-Fabrik. Bald darauf fanden sich in dieser Gruppierung 22 Musiker zusammen. Am Sonntag,13. Mai des selben Jahres traten sie mit einem Frühschoppenkonzert in der Nähe des Kriegerdenkmals an die Öffentlichkeit.

Der neue Musikverein drohte dem älteren Verein den Rang abzulaufen. Auf der Generalversammlung der Stadtkapelle im Januar 1932 fasste man den Entschluss , „die Musikkapelle Harmonie …durch noch bessere Leistungen unsererseits in Schach“ zu halten. Wie oben beschrieben hat Bürgermeister Adrian Kopf 1934 den Zusammenschluss angeordnet. Riehle wurde zum Vize-Dirigenten zurückgestuft. Seine Begeisterung für die Musik war ungebrochen. In der Generalversammlung von 1937 beantragte er einen Lötkolben, um rissig gewordene Blechinstrumente reparieren zu können.

Es war Joseph Riehle, der nach dem Krieg den Wunsch des katholischen Pfarrers aufgriff, die Prozessionen an Fronleichnam und am „Zeller Fest“ wieder mit einer Blasmusik zu verschönern. Der Krieg hatte die Reihen gelichtet. Manche Musiker waren noch in Gefangenschaft. In Zell standen nur 11 Mann zur Verfügung. Zur Ehre Gottes gelang Riehle das kleine Wunder Musiker aus Zell und Unterharmersbach zu einer gemeinsamen Kapelle zusammenzustellen.

Das heutige aktive Ehrenmitglied Werner Lehmann ging 1947 zusammen mit vier anderen „Zöglingen“ bei Riehle in die musikalische Lehre. Die Nachwuchs-Förderung sollte des Dirigenten Schwerpunkt bleiben.

Wie bescheiden damals die Verhältnisse waren, zeigt eine Rechnung für Getränke bei der nächtlichen Silvestermusik vom 31.12.1947. Aufs Neue Jahr stieß man nicht mit Sekt, sondern mit Most an. Die Veranstaltung zum Jahreswechsel hatte übrigens von der französischen Kommandantur in Wolfach genehmigt werden müssen. Auch die Stadtkapelle selbst bedurfte der Überprüfung. Der Antrag auf ihre Neubegründung wurde am 19. März 1948 in französischer Sprache eingereicht. Genehmigt wurden vorerst aber nur einzelne Veranstaltungen. Der Tanz in den Mai 1948 wurde erlaubt, weil die politisch unbelastete Gewerkschaft für die Veranstaltung im Gasthaus Löwen verantwortlich zeichnete. Auch bei dieser Veranstaltung waren die Musiker von Zell und Unterharmersbach bereit ihre Kräfte zu bündeln.

Am 9. Mai 1948 formierte sich wieder unter dem Vorsitz eines Zeller Bürgermeisters eine eigene Stadtkapelle. Außer dem Vorsitzenden, der diese Stellung kraft Amtes einnahm, wurden die wichtigen Funktionen per Wahl bestimmt. Bürgermeister Burger beantragte im August des Jahres für Dirigent Riehle und 37 Musiker beim wiedererrichteten Badischen Kultusministerium die politische Unbedenklichkeit. Der „Persil-Schein“ kam postwendend. Der Verein war nunmehr legal.

Empfindlich reagierte die neu erstarkte Kapelle auf Revier-Verletzungen. Im Herbst 1948 hatten zwei Zeller Wirte die Tanzkapelle Roser aus dem Nachbarort Biberach engagiert. Dies löste in der Stadtkapelle einen Sturm der Entrüstung aus. Man drohte damit, das beliebte Cäcilienkonzert, das traditionsgemäß in zwei Gastwirtschaften gegeben wurde, ausfallen zu lassen. Die Wirtsleute vom „Löwen“ und „Hirschen“ sprachen daraufhin von einer „Diktatur der Stadtkapelle“. Die Beschwerde der Musiker würde den „einfachsten demokratischen Spielregeln“ widersprechen und ein „Eingriff in die Gewerbefreiheit“ darstellen. So schnell hatten die Gastwirte ihre Argumentation auf die neue Demokratie umgestellt.

Mit welch bescheidenden Mitteln man sich in der Nachkriegszeit behalf, zeigt ein Antrag in der Generalversammlung von 1949. Von der Stadt wurde Alu-Farbe erbeten, um die Notenständer für das Cäcilienkonzert anzustreichen. Neben der Erhebung der üblichen Eintrittsgelder für das Konzert wollte man für den anschließenden Tanz eigene „Tanzzettel“ feil bieten. Weniger anspruchslos waren die Musiker beim Getränke-Konsum. Die 33 Anwesenden kippten an diesem Versammlungs-Abend nicht weniger als 33 Liter Bier, der Liter zu einer D-Mark. Nur ein Drittel dieses Betrages wurde für neue Noten ausgegeben.

Die Anziehungskraft des Biers führte 1951 zu einem Ausflug nach Riegel. Der Besuch der Brauerei diente sicherlich nicht nur der Information, sondern schloss eine Kostprobe ein. 1954 fuhren die Musiker dagegen zum Passionsspiel nach Ötigheim.

Einen besonderen Kontakt pflegte die Stadtkapelle nach dem Krieg zum „Verband der Kriegsversehrten“. Regelmäßig gestaltete sie die Weihnachtsfeier dieser Vereinigung. 1950 kam die Mitwirkung bei einem „Bunten Abend“ hinzu. Beim Ausflug der Invaliden zum Rheinfall bei Schaffhausen verwandelte die Tanzmusik der Stadtkapelle in einen „Samba-Express“.

Zwei andere Ereignisse sind gleichfalls typisch für jene Zeit des Neubeginns. Die Stadtkapelle wirkte im Sommer 1951 beim Festzug des Zeller „Radfahrvereins“ mit. Für viele Bürger war das Fahrrad das wichtigste Verkehrsmittel und Grund genug, sich seinetwegen einem Verein anzuschließen. Gleichfalls im Sommer des Jahres konnte die Stadtkapelle den Badischen Staatspräsidenten Leo Wohleb musikalisch willkommen heißen. Er kam nach Zell, um den Aufbau der Siedlung „Neue Heimat“, südlich der Firma Prototyp, zu bewundern.

Am 31.05.1952 feierte die Stadtmusik ihr 125jähriges Bestehen, das mit einem Verbandsmusikfest verbunden wurde. Am Wertungsspiel beteiligten sich 18 Kapellen. Das Protokollbuch spricht von einer „gewaltigen Demonstrationszug für die Volksmusik“. Der Fußballverein hatte für das Fest den Sportplatz zur Verfügung gestellt und darauf die Errichtung eines Festzeltes erlaubt. Die Stadtkapelle präsentierte sich zu diesem Anlass in neuen dunklen Anzügen. Uniformen waren damals noch verpönt.

Wenn sich die Stadtkapelle auch der traditionellen Volksmusik verpflichtet fühlte, so regte sich bei den jüngeren Musikern doch eine Vorliebe für eine neue aus Amerika kommende Musikrichtung. In der Generalversammlung am 14.02.1951 forderte Vizedirigent Ludwig Stenzel für die „Jazz-Kapelle“ zur Notenbeschaffung eine größere Unterstützung. Dirigent Josef Riehle sprach sich jedoch gegen eine Förderung der neuen Mode aus. Um die Jungen nicht ganz zu verprellen, genehmigte man ihnen gerademal 10 DM für neue Noten.

1955 wurde Joseph Riehle verabschiedet und erhielt, wie nach dem Krieg üblich, einen Geschenkkorb mit Delikatessen. Seine neue Aufgabe wurde der Aufbau einer Musikkapelle in Unterentersbach.